Senioren lernen Umgangsformen

In der Straßenbahn fing es an

Die Schule ist aus, die Straßenbahn ist voller Schüler, fröhliche junge Menschen sitzen und stehen in der vollen Bahn auf dem Heimweg.
An der nächsten Haltestelle steigt ein älterer Mann zu. Er beginnt, bei den jungen Menschen sehr unfreundlich einen Sitzplatz einzufordern: „Steh auf, ich bin alt und habe eine Recht auf einen Sitzplatz“. Was passiert? Nichts! Die jungen Menschen schauen den Alten voller Erstaunen und Erwartung, was denn nun passieren würde, an. Der beginnt nun, auf sie einzuschimpfen, aber keiner steht auf. Offensichtlich hat er keinen Erfolg, zwei Stationen später steigt er aus.
Am nächsten Tag die gleiche Situation. Wieder fahren die Jungen nach der Schule nach Hause. Die Straßenbahn hält, eine ältere Dame steigt mühsam ein. Man sieht es ihr an, jede Bewegung fällt ihr schwer. Freundlich bittet sie ein junges Mädchen: „Kannst Du mir bitte Platz machen, ich bin alt und das Stehen fällt mir schwer“. Sofort springen gleich drei junge Menschen auf und helfen der alten Dame. Betroffen denke ich an Gestern.

Auf dem Marktplatz sitzen die Menschen in der Sonne und genießen den Feierabend bei einem Glas Wein. Zufällig treffe ich den Mann von Gestern. Ich frage ihn, ob ich ihn zu einem Glas Wein einladen dürfe. Er starrt mich an, befürchtet wohl das Schlimmste, doch er willigt ein. Er fragt nicht, redet kaum, sitzt vor seinem Glas und starrt mich an. Ich teile ihm mit, dass ich Gestern in der Straßenbahn betroffen darüber war, dass ihm niemand einen Platz angeboten hatte. Auf einmal wird er gesprächig und klagt über die heutige Jugend, die keinen Respekt mehr vor dem Alter habe, egoistisch sei, „und überhaupt“. In seiner Jugend habe er gelernt, dass man alten Menschen Platz macht, aber das habe sich wohl geändert. Das Reden, oder besser das Klagen macht ihm sichtlich Freude, das zweite Glas Gutedel löst seine Zunge.

Nach einiger Zeit berichte ich von der alten Dame, der die Jugendlichen gerne Platz gemacht haben. Er hört zu, scheint mir zunächst nicht zu glauben, denkt nach. Nach dem dritten Glas Gutedel gebe ich ihm meine Karte, bedanke mich für seine Gesellschaft und bitte ihn, sich mal wieder zu melden. Er bedankt sich für den Wein, dreht sich um und verschwindet.

Es wirkt!

Drei Tage später geht das Telefon. Wie immer schaue ich erst mal, welche Nummer da anruft. „Anruf v. Extern“ meldet mein Telefon. Also wieder mal jemand, der nicht möchte, dass man seine Nummer erkennt, solche Anrufe nehme ich überhaupt nicht an. Ich weiß auch nicht, weshalb ich ausnahmsweise den Hörer abnahm. „Guten Tag Herr Jänsch, es hat funktioniert“, meldet sich eine frohe Stimme am anderen Ende. Es ist der mürrische Alte. „Was hat funktioniert?“, frage ich. „Die jungen Leute in der Straßenbahn sind aufgestanden“, berichtet er voller Freude, „Wann haben Sie Zeit für ein Glas Wein? Ich möchte Sie gerne einladen“.

Ein paar Tage später, es war wieder ein warmer Sommerabend, trafen wir uns auf dem Marktplatz wieder. Er hatte einen Bekannten mitgebracht. Der Abend wurde lang. Er hatte Freunden von unserem Gespräch berichtet und nun war er interessiert daran zu erfahren, ob ich noch mehr „Tricks“ kennen würde, wie man sich das Leben angenehmer gestalten könne. Die Idee für „Umgangsformen im Seniorenalter“ war geboren.

Weshalb Senioren oft gesellschaftlich versagen

Viele alte Menschen haben ihr Leben lang hart gearbeitet, niemand hat ihnen beigebracht, wie man sich in Gesellschaft verhält. Umgangsformen waren nicht notwendig, das Geld wurde auch ohne sie verdient. Nun sind sie alt geworden, im Ruhestand haben sie endlich Zeit für schöne Dinge, doch die schlechten Manieren sind geblieben. Sieht man sich in Supermärkten oder sonst wo um, findet man immer wieder mürrische Alte, denen man gerne helfen möchte. Interessanterweise lassen sie sich auch gerne helfen, wenn man nur erst einmal an sie herankommt. Oft ist es auch nur die Furcht, sich eine Blöße zu geben. Niemand hat ihnen je gesagt, wie man das Besteck richtig benutzt, dass der Herr der Dame den Stuhl zurechtrückt und sich erst dann setzt. Eigentlich möchten sie gerne wissen, wie es geht, doch keiner zeigt es ihnen. Zu viele Ängste vor anderen Menschen haben sich im Leben aufgestaut und lassen sie mürrisch werden.

Meine Kurse

Mein Erfolg sprach sich bei den Alten herum. Immer mehr ältere Menschen wollten immer mehr Umgangsformen lernen. Wenn erst einmal der Bann gebrochen ist, werden mürrische Alte auf einmal gesprächig und wollen lernen, wie man sich benimmt. Voller Freude stellen sie fest, dass gutes Benehmen auch etwas mit Würde zu tun hat. Die Bestätigung im Berufsleben ist vorbei, niemand will mehr wissen, welche Positionen jemand eingenommen hat. Jetzt kommt es einzig und allein darauf an, wie man durch sein Auftreten eingeschätzt wird. In meinen Kursen für Senioren durfte ich immer wieder feststellen, welche Freude gute Umgangsformen bereiten können.

Kurzbiographie

Reinhard Jänsch ist 66 Jahre alt. Als höherer Beamter in internationalem Einsatz war er auf gute Umgangsformen angewiesen. Vielen Senioren hat er in seinen lockeren Kursen zu Hause beigebracht, dass gutes Benehmen in allen Lebenslagen das Dasein enorm erleichtert und hat sich selbst dabei die größte Freude bereitet. Gerade alte Menschen wissen den Wert von menschlicher Würde zu schätzen.

Weitere Ratgeber von Bildungsexperten:

Ratgeber von Harald Hahn zum Thema Bewerbung und berufliche Wiedereingliederung für ältere Arbeitnehmer


3 Kommentare

  1. Das klingt so verharmlosend.
    Und was hat “Besteck richtig benutzen” damit zu tun?
    Mit der Gabel isst man, mit dem Messer schneidet man…
    Nein, es gibt keine “richtige” Hand für das Messer, oder die Gabel.
    Dürfen Linkshänder dann anders herum essen? Und wenn die das “dürfen”, warum dann nicht auch die Rechtshänder? Weil das irgendein Psycho mit Zwangsstörungen vor ein paar Hundert Jahren so als “richtig” festgelegt hat?

    Schon die Annahme es gäbe einen “Trick” 0_o zeigt von der selbstverständlichkeit in dem die in dem Verhalten drin sind.
    Da geht es um eine echte Psychische Störung.
    Z.B. “Dissoziative Persönlichkeitsstörung”, früher sagte man auch einfach “Asozial”.

    Und dann dieser Glaube man hätte nur wegen des Alters, oder einer ungeliebten Tätigkeit (“Feierabend”, “Runterkommen” sind die Floskeln von Menschen in mieser Arbeit) nur fürs Geld, als Drohne (dafür gibt es maximal Mitleid), oder gar als “Beamter” eine Art “Pauschalrespekt” verdient… Den haben nicht mal Polizisten verdient!
    Undenkbar, dass ein Rentner Krach schlägt, und droht notfalls ins Ausland zu gehen, um dort weiter zu arbeiten. So geschehen bei Anton Zeilinger.
    Undenkbar, dass sich jemand Freitag Abend auf Montag morgen freut.

    Und spätestens mit der Rente der Wille oder “Zwang” jedem zu zeigen, dass “man es geschafft hat”. Jämmerliche Würstchen, die sich spätestens mit der Rente den berühmten “Rentner-Benz” kaufen.
    Rentner-Benz ist ein fester Begriff, inkl. dessen was dahinter steckt.

    Früher war es das Fenster, die Gardinen, die von der Straße aus sichtbar waren.
    Und natürlich jeden Morgen die Fenster aufmachen und evtl. noch das Bettzeug raushängen.
    Sonst ist man nicht “anständig”, denn wer nicht jedem zeigt, dass er schon wach war, der war “asozial”…..

    Es sollte “Wesenstests” geben.
    Das hier kann man legal auf sein Auto etc. kleben:
    “Die Polizei ist ein Sammelbecken für Asoziale und Kriminelle”.
    Aber es treibt asozialen obrigkeitshörigen Alten den Puls hoch, sie verspüren den dringenden Wunsch der Denunzierung.

    Evtl. nach ein paar Wochen widerholen. Zwischendurch entfernen, damit sie Glauben ihre “Anzeige” hatte Wirkung. So kann man es noch ein oder evtl. zwei mal Widerholen, bis die Polizei denen entnervt klar macht, dass das nicht verboten ist.
    Und dann kann man es ergänzen, und einen kleinen Satz dazu schreiben, der die verhöhnt. Oder wenn man deren Namen kennt, sich direkt an sie richtet und ihnen legal klarmacht dass sie keine Handhabe dagegen haben, und man keinen Respekt vor ihnen hat.
    Auch das ist legal, keine strafbare Beleidigung.

  2. Ich finde es gut, wenn sich Menschen darüber Gedanken machen, wie wir in unserer Gesellschaft miteinander umgehen möchten und darüber in einen aktiven Dialog treten 🙂

    Nur finde ich die Aussage zu pauschal, dass es ältere Leute grundsätzlich nicht besser wüssten und mache einen freundlichen Umgang miteinander nicht an Etiketten, wie das vermeintlich richtige Essen mit Besteck, fest…

    Kann es nicht viele unterschiedliche Faktoren geben, die Menschen verrohen lassen?

    Es besteht ein nie aufhören der gesellschaftlicher Wandel.

    Standen die heute alten Menschen in ihrer Kindheit unaufgefordert an öffentlichen Plätzen auf, um für die damals alten Menschen Platz zu machen, so kann man verstehen, dass sie es als respektlos interpretieren und auf die vermeintliche Unhöflichkeit der jungen sitzenden Menschen mit Unhöflichkeit reagieren.

    Ich denke, da spielen viele Erfahrungen, die im Gegensatz zueinander stehen, ebenfalls eine Rolle.

    So betrachtet könnte es gerade der Kontrast der “Alten Schule” zur heutigen Umgangsformen sein, der zu Missverständnissen und entsprechenden Respektlosigkeiten führt.

    Dies würde bedeuten, dass sehr viele alte Menschen sehr wohl Umgangsformen, Normen und Werte kennen.

    Dazu kommen die im Artikel erwähnten Menschen. Ich denke einfach, dass es unterschiedliche Faktoren gibt, die in den Biographien eine entscheidend Rolle spielen.

    Dass eine komplette Menschenschicht, in diesem Artikel die Senioren, über einen Kamm geschoren werden (trotz des Gegenbeispiels der alten Dame) finde ich genauso unangebracht, wie das pauschale Herziehen über junge Menschen…

    Etwas weniger Ignoranz und hinschauen, kann nicht schaden. So, Sie es mit der Einladung zum Wein getan haben 😉

    Nichts ist schlimmer, als Unhöflichkeiten ständig mit Unhöflichkeiten zu vergelten…

    Bertha von Suttner (hoffe, der Name ist richtig geschrieben): “Hass bleibt Hass. Kein vernünftiges Wesen würde Tinte mit Tinte löschen. Oder Öl mit Öl wegwischen. Nur Blut soll immer mit Blut gereinigt werden.” Eine wunderbare, pazifistische Aussage, die auch hier treffend passt und uns über die Motivationen des eigenen Handels nachdenken lässt…

    1. Author

      Vielen Dank für Ihren schönen Kommentar, der durchaus für Verständnis zwischen den Generationen sorgen könnte! Das wäre zumindest zu begrüßen…ein schönes Wochenende für Sie!

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