Computerkurse für Senioren

Die Initialzündung

In der Silvesternacht zum Jahre 2000 starb meine Tante. Sie war 1912 in Breslau geboren, hatte Mathematik, Physik und Chemie studiert, war später Oberstudienrätin an einer Gewerbeschule. Ihr Verlobter war im Krieg gefallen. Es muss die ganz große Liebe gewesen sein, nach ihm hatte kein Mann mehr Chancen bei ihr.

Etwa ein halbes Jahr vor ihrem Tod hatte sie meiner Mutter, die 1913 geboren war (noch gute Friedensware, pflegte sie zu sagen), einen Stapel alter Oktavhefte gegeben. Ein Schatz, von dem Niemand etwas wusste und der die Flucht aus Schlesien überstanden hatte. In den Jahren 1942 bis 1948 hatte meien Tante 165 Gedichte geschrieben, die sie nun ihrer Schwester anvertraute, sie muss wohl ihren nahenden Tod geahnt haben.

Meine Mutter, selbst Lehrerin, war ihr ganzes Leben immer an Neuem interessiert. Nur zum Computer hatte sie noch keinen Zugang. Also fing sie an, mit ihrer alten Schreibmaschine – natürlich per Zehn-Finger-System – die ersten Gedichte abzuschreiben. Zum Glück kam ich bei dem dritten Gedicht dazu. Ich bot ihr an, einen Computer zu besorgen und ihr zu zeigen, wie das Schreiben damit einfacher werden könnte. Wie erwartet sträubte sie sich überhaupt nicht, sondern freute sich, mit ihren 86 Jahren noch den Umgang mit dem Computer zu lernen.

Meine erste Schülerin

Als der neue Computer mit Maus und Drucker da war, konnte Mutter es kaum erwarten, loszulegen. Ich hatte den Computer so eingerichtet, dass nach dem Einschalten direkt die Textverarbeitung erschien. Internet interessierte sie noch nicht, Virenschutz und Firewall waren noch nicht notwendig. Sie wollte nur schreiben. Groß- und Kleinschreibung kannte sie von ihrer Schreibmaschine, die Funktion des Cursors hatte sie auch ganz schnell verstanden. Ganz schnell traten allerdings die ersten Probleme auf, die Dateien mussten nämlich gespeichert werden.

Der Umgang mit der Maus

Die Notwendigkeit des Speicherns von Dateien muss erkannt werden. Computer sind Maschinen, die, wie jede andere Maschine auch, kaputt gehen können. Daten können dabei verloren gehen, tagelange Arbeit war dann umsonst. Mutter verstand das sehr schnell, bloß war es schwierig, ihr den Umgang mit der Maus beizubringen. Später zeigte sich bei Computerkursen mit Senioren, dass viele ältere Menschen Koordinationsprobleme haben, die Transferleistung zwischen Mousepad und Bildschirm klappt nicht. Da Mutter schnell weiterarbeiten wollte, half die Schnelllösung. Fast alle Computer-Aktionen lassen sich nicht nur mit der Maus, sondern auch mit so genannten Tastenkombinationen durchführen. Dafür gibt es fertige Listen, die man ausdrucken kann.

Ich wählte einen anderen Weg und erstellte wegen der Übersichtlichkeit eine eigene Liste und das Problem war gelöst. Mit der Zeit kamen neue Befehle dazu, die Liste wurde nach Bedarf erweitert, dazu reichte meistens ein kurzes Telefongespräch, Mutter wurde immer perfekter und berichtete voller Stolz von ihren Erfolgen.

In Computerkursen für Senioren wählte ich alternativ einen anderen Weg. Als gute Hilfe, um den Umgang mit der Maus zu lernen, erwies sich das Spiel Solitär, das zur Grundausstattung jeder Microsoft-Windows Version gehört. Auch Sudoku ist ein beliebtes Spiel, das von den Senioren gerne gelöst wurde und half. Spielend lernten die meisten meiner Educandi somit die Maus zu benutzen, bei manchen klappte es überhaupt nicht, aber da halfen meine Tastenkombinationen.

Die Enter-Taste und der Fließtext

Anfangs bereitete es etwas Schwierigkeiten, die Funktion der Enter-Taste zu erklären, da Mutters alte Schreibmaschine keinen Fließtext kannte. Für die Gedichte, deren Zeileninhalt meistens kürzer war als die mögliche Zeilenlänge, konnte die Entertaste wie bei der Schreibmaschine benutzt werden. Doch bei Kommentaren war es günstiger, Fließtext zu benutzen, da später vor dem geplanten Druck umformatiert werden musste.

Das fertige Werk

Nach knapp drei Monaten hatte Mutter alle 165 Gedichte in ihrem Computer. Im Krankenhaus erstellte meine Tante vier Tage vor ihrem Tod ihren Namenszug, der dann gescannt und in die Grußseite eingebunden wurde. Eine Liste mit 280 Adressaten für das Werk war vorher erstellt worden. Meine Aufgabe bestand darin, alles druckfertig zu formatieren und bald erhielt Mutter Pakete mit 300 gebundenen Exemplaren und Verpackungshüllen. Sie arbeitete die Liste ab und vergaß darüber ganz die Trauer um die geliebte Schwester. Im Rucksack brachte sie alle Bände im Laufe von drei Wochen zur Post.

Die Computerschule

Ein Exemplar der Gedichte meiner Tante besitze ich noch. Später erlernte Mutter eine Tabellenkalkulation und ordnete damit ihre Kontenbewegungen und ihre Ausgaben.  Sie spielte, googelte und tat eigentlich all das, was man mit einem Computer anstellt. Sie war ein gern gesehener Gast bei meinen Computerkursen und demonstrierte voller Stolz ihre erlernten  Fähigkeiten.

Der Computer für Senioren

Der Computer kann Senioren ein treuer Freund werden. Besonders, wenn sie sehr alt werden, und immer mehr alte Freunde sterben. Wenn der alte Mensch also einsam zu werden droht, kann der Computer eine gute Hilfe sein. Anfangen damit umzugehen kann man immer, wie Mutter mit ihren 86 Jahren gezeigt hat.

Die Autorin

Karin D. ist 69 Jahre jung. Mit dem Computer kam sie bereits vor knapp dreißig Jahren in Berührung, als sie für den Betrieb ihres Mannes die Buchführung übernahm. Dozentin wurde sie eher zufällig. Sie hatte Bekannten von den Fortschritten ihrer Mutter am Computer erzählt und deren Interesse geweckt, es auch zu lernen. Die eigene Computerschule im Keller ihres Wohnhauses war schnell gegründet. Die meisten Schüler waren Senioren, die voller Freude zeigten, dass sie noch lange nicht zu alten Eisen gehören.

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